Kustom Life Magazine #15

Kustom Life Magazine #15

Erscheint am 30.01.2018
1931 Opel Hot Rod
1964 Triumph Moon Machine
Howard Gribble Lowrider History

News

PUNK ROCK CHIEF - 1955 PONTIAC CHIEFTAIN

Was passiert wenn ein eingefleischter Punk Rocker auf ein runtergerocktes Pontiac Coupé trifft? Richtig – es entwickelt
sich ein unzertrennliches Paar, das durch dick und dünn fährt.

So geschehen zwischen Tobi vom Draggers Car Club aus München und einem 1955er Pontiac Chieftain Hardtop Coupé. Es war sicherlich Liebe auf den ersten Blick, allerdings hab es ein paar Hindernisse zu überwinden, bevor der alte Indianer zu seinem jetzigen Besitzer kam. Allerdings gab es für den Chieftain gleich zwei Kaufwillige, die zuschlagen wollten: In diesem speziellen Fall war ich selbst der zweite Interessent. Doch der Reihe nach.

Das Jahr 1955 war nicht nur für die preiswerteste Marke von General Motors, man denke an Chevrolet, ein Meilenstein, auch die von jeher als sportlicher geltenden Pontiacs bekamen ein komplettes optisches und in vielen bereichen technisches Überholprogramm. Wie so oft in der Automobilgeschichte wurden Neuerungen zuerst in Wägen aus dem hochpreisigen Segment vorgestellt, wie z.B. Panoramascheiben, die bereits 1954 bei den Modellen von Cadillac, Oldsmobile und Buick Einzug hielten und für eine verbesserte Rundumsicht sorgten. Ab 1955 gab es den Durchblick dann auch bei Chevrolet und Pontiac. Das Markenzeichen von Pontiac, die Silverstreaks wurde im neuen Modelljahr geteilt und zieren die Motorhaube und die hinteren Kotflügel gleich doppelt. Insgesamt fielen die grunderneuerten 55er flacher und weniger plump als die Vorgängermodelle aus. Doch dies aleine war nicht der Grund für die steigende Popularität der sportlichen Indianer. Denn wirklich sportlich wurden diese erst durch die Einführung der neu entwickelten V8 Motoren: Bis 1954 waren nur Reihen 6- bzw. 8-Zylindermotoren im Programm - die neuen Triebwerke brachten einen Leistungsschub von bis zu 62 PS. Diese 62 Pferde gepaart mit den optischen Neuerungen sorgten für ein saftiges Verkaufsplus. Wurden 1954 noch 418619 Pontiacs ausgeliefert, waren es im darauffolgenden Jahr 554090 Star Chiefs und Chieftains, die die Pontiac Werke in Arlington, Atlanta, Framingham, Kansas City, Linden, Pontiac, South Gate und Wilmington verließen.

Die Modellpalette umfasste dabei die Linien Chieftain 860 (Special), Chieftain 870 (Deluxe), Star Chief Custom Safari (Series 27), Star Chief (Series 28) und Star Chief Custom (Series 28). Die Karosserievarianten reichten vom einfachen 4-türigen Sedan über einen Hardtop Sportkombi bis hin zum 2-türigen Cabrio.

Tobis 55er ist ein Chieftain 870 2-door Deluxe Catalina Hardtop Coupé mit dem Hydramatic Automatikgetriebe. Der neue 287.2 cid V8 bot in Kombination mit der Hydramatic 180 PS bei 4600 Umdrehungen und einer Verdichtung von 8 zu 1. Optional hätte dies erstmals durch ein Power Pack getoppt werden können – ein Rochester Doppelregistervergaser sorgte dabei für 20 zusätzliche PS. Als Goodie wird Tobis V8 durch eine Underhood Lamp beleuchtet. Das besondere dabei? Die Motorraumbeleuchtung ist abnehmbar und verfügt über ein langes Kabel, die Lampe ist magnetisch und kann somit überall im Motorraum angebracht werden. Durchaus praktisch bei einer nächtlichen Panne. Ansonsten war der alte Chieftain wohl eher in der Standardversion vom Band gelaufen und fuhr so einige Jahrzehnte durch das sonnige Kalifornien.

Und genau dort fand Micha Perrech (Veranstalter der Kustom Kulture Forever in Herten) den gealterten Indianer in seinem schlecht ausgebesserten grün-weißen Lackkleid und brachte ihn 2008 kurzerhand nach Deutschland. Technisch lief er immer noch gut, optisch gab und gibt es immer noch einiges zu tun. Also erstmal den ganzen Wagen notdürftig gespachtelt und mattschwarz lackiert. Doch dann kam alles anders. Die Bottrop Kustom Kulture Show 2008 stand an und der Pontiac musste erstmal auf weitere Maßnahmen warten.

Zeitgleich auf dem Weg nach Bottrop machte mein eigener Pontiac (1960er Ventura) Zicken mit der Airride und so kam es, dass ich schon mal im Vorfeld den Bedarf eines Cruisemobils für das Wochenende bei Micha anmeldete. Da wir uns schon sehr lange kennen, war alles kein Problem und er gab mir die Schlüssel des Chieftains, um am Wochenende ausgiebig das Gelände abcruisen zu können – was wir dann auch taten. Der Pontiac wurde vollgeladen mit Mitfahrern und es ging die ganze Nacht im Kreis um den Platz, bis schließlich das Benzin alle war. Aus Spaß meinte Micha Perrech daraufhin, dass ich den Wagen jetzt schon auch kaufen muss, wenn ich schon den Tank leer fahre. Gesagt, getan, kurz darauf hatte ich den Wagen per Handschlag gekauft. Jetzt musste ich nur irgendwie zwei Pontiacs zurück in die bayerische Heimat bringen. Logistisch durchaus nicht ohne. Kennzeichen für die Überführungsfahrt waren schnell aufgetrieben und auch der Fahrer für meinen 60er Pontiac: Tobi. Schon unterwegs meinte er, er hätte den 55er selbst sehr gerne gehabt. Da ich ja eigentlich schon versorgt war, trat ich das Coupé schon ein paar Tage später an Tobi ab.

In der Werkstatt angekommen, zeigten sich erste dringende To-dos. Die hinteren Reifen waren Slicks, der Unterboden hatte Lochfraß und die Auspuffanlage hielt sich wacker an den letzten Resten Rost. Also erstmal neue Wide Whites auf die originalen Steelies aufgezogen und das Heck mit 10 cm Lowering Blocks dem Boden näher gebracht. Bei der Gelegenheit wurden gleich die alten Rohre entfernt und ein neuer Auspuff angepasst. Nach einigen Testfahrten auf Treffen in der Umgebung, z.B. die Hot Rod Invasion in Eichstätt oder das Butchers BBQ usw., wurden die Bremsen und das ausgeschlagene Lenkgetriebe erneuert. Im September bei einer kurzen Fahrt zum Stray Cats Konzert im Münchener Zenith versagte schließlich ein Lager der Kardanwelle. Mit lautem Krachen lag diese nun auf dem Boden, anstatt den Vortrieb an die Hinterachse weiterzugeben. Also kurzerhand abgeschleppt und die Welle neu gelagert. Seitdem ist das 55er Chieftain Coupé ein zuverlässiger Partner auf allen Straßen und hat schon viele Tausend Kilometer ohne weitere Probleme heruntergespult.

Auch wenn Tobi der mattschwarzen Farbe grundsätzlich nicht abgeneigt ist und der Wagen – zugegeben – wie die Faust aufs Auge zu ihm passt, so wie er ist: Er hat den Plan gefasst, dem in Ehren gealterten Pontiac ein neues Farbkleid zu spendieren und auch die Innenausstattung zu erneuern. Diese ist momentan sehr spartanisch: Mexikodecken über die zerschlissenen Sitze, der Himmel fehlt. Egal was Tobi noch daran verbessern und wie er im Endeffekt aussehen wird, eines ist sicher: Man wird Tobi und den Chieftain auch die nächsten Jahre auf unzähligen Veranstaltungen antreffen. 

Ähnliche Artikel

Kustom Life Magazine #15

Kustom Life ...

Erscheint am 30.01.2018 1931 Opel Hot Rod 1964 Triumph Moon Machine Howard ...

16

Jan

2018

Kustom Life Magazine #11

Kustom Life ...

Erscheint am 30.05.2017! 1978 Harley Davidson Moon Digger 1963 Chevrolet Impala ...

30

May

2017

Bellflower Beach - 1956 Chevrolet Nomad

Bellflower Beach - ...

Kalifornien gilt noch immer als gelobtes Land in Sachen Kustom Cars. Trotzdem ...

19

Jul

2017

comments powered by Disqus